Bumpy – anders kann man die Überfahrt zur White Island wohl nicht beschreiben. Mit 18,5 Knoten fegen wir durch die rollenden Wellen. Die Hälfte der Touristen sind schon mit Spucktüten bewaffnet auf dem Hinterdeck. Ich selbst bin – überraschend - ohne Probleme; im Gegenteil mein Magen knurrt. Absichtlich habe ich nicht gefrühstückt und Seasickness Pills eingeworfen. Die Taktik geht auf!
In Whakatane war heute früh noch absolute Flaute. Aber schon nach 10 Minuten auf See, als wir aus dem Wind- und Wellenschatten von Whale Island herausdrehten und die Schar der jungen Coolen auf dem Vorderdeck der Peejay 5 in Sekunden in imposanten Gischtfontänen verschwanden, war klar, dass die Überfahrt alles andere als ruhig verlaufen würde.
Nur an 150 Tagen im Jahr kann die White Island überhaupt angefahren werden. Das liegt zum einen an den 49 km über den Pazifik und der exponierten Lage der Insel. Wenn heute prima Wetter war, dann möchte ich nicht wissen, was es heißt, dort einen Sturm erleben zu müssen Zum anderen liegt es auch am Niederschlag. Ist es regnerisch, so ist die Gefahr von starkem saurem Regen auf der Insel zu hoch für Touristen und deren teurer Kleidung.
White Island – der Geysir der erschien – ist einer die zwei aktivsten Vulkane in New Zealand. Er ist der aufgetauchte Gipfel eines riesigen unterseeischen Vulkans – 100.000 bis 200.000 Jahre alt gehört er zum „Ring of Fire“ und liegt genau an der Subduktionsstelle, wo sich Indo-australische und pazifische Platte untereinander schieben. Mit seiner Lage bildet er die nordöstliche Spitze der Vulkane der zentralen Nordinsel. Diese Vulkanregion ist auch als die Taupo Vulanic Zone bekannt.
Immer hängt eine Dampfwolke über der Insel – so hat sie sich ihren Spitznamen „Wetterfahne von Whakatane“ verdient. Ca. 400 Tonnen von Schwefeldioxid werden aus dem Vulkan täglich abgeblasen. Die Luft ist damit geschwängert und rasch werden Bonbons auf dem Trip verteilt, damit sich das bald einstellende Kratzen im Hals nicht zum Husten auswächst. Der geführte Walk dauert 1 ½ Stunden und ist informativ.
Die Landschaft ist karg, wüstengleich und überall rauchen Fumarole. Neben der braunen Grundfarbe dominiert Weiß und Grün die Landschaft. Grün leuchtet das kristallisierte Schwefeldioxid (Sulfat? Puh ich muss die alten Chemie-Bücher unbedingt noch einmal heraus kramen!!! Bloß keiner etwas Hajo davon erzählen bitte!). Weiß ist Gips, welches durch die Verbindung von Schwefel und Calcium entsteht. Die Asche Farben variieren von Kaki-grün (wenn viel Salz und andere chemische Elemente enthalten sind, über pink-rot (wenn Eisenbestandteile oxidiert wurden) bis zu grau (von kühlerem Auswurfsmaterial) und braun (direkt aus dem Magma).
Nur zwei Pflanzenarten können in dem saurem Klima auf der Insel überhaupt überleben pohutukawa und flax. Die Fauna hat mehr zu bieten: Die Unterwasserwelt ist reich an Arten, die ihren „Thermalpool“ genießen! Auch große Tölpel Kolonien (bis zu 10.000 Vögeln) gibt es und bis zu 60.000 grey faced petrels (muttonbirds) nennen das White Island Archipel ihr zu Hause. Keiner dieser Vögel ist aber im inneren Inselbereich, also in Kraternähe zu sehen. Die Kolonien liegen alle außerhalb der bis zu 220 Meter hohen Kraterwand. An einer Seite der Insel ist diese hohe, äußere Kraterwand weg gebrochen. Scheinbar schutzlos ist dieser Bereich zum Meer hin geöffnet und Treibholz zeigt an bis zu welchem Punkt bei Sturm die anbrandenden Wellen ihr Wasser tragen. Bis zu 12m Wellen prügeln dann auf die Insel ein.
Der Kratersee ist davor aber geschützt. Er liegt 60 m unter dem Meeresspiegel und nur Regenwasser dringt in den inneren Karterbereich ein. Der See leuchtet in aggressivem Grün und ist riesig. Dampf entsteht kontinuierlich auf seiner Oberfläche – seine Temperatur beträgt ca. 70-90 Grad und sie variiert mit dem Regenfall. Sein PH Wert ist angeblich 0 (nach der Führerin / ich bin mir nicht mehr so sicher, ob der PH Wert nicht ein Quotient ist und dann wäre das natürlich barer Unsinn. Himmel schmeiße Chemie Bücher oder einen Internetzugang herab!). Wie auch immer ist er einer der sauersten Seen überhaupt.
Es gab sogar - fast als Selbstmord anmutende - Bemühungen der industriellen Sulfatgewinnung auf der Insel, um Dünger zu produzieren. Aber nach mehreren nicht profitablen Anläufen endete der vorletzte Versuch in einer Katastrophe, als alle 11 Arbeiter und die gesamte Siedlung in einem Ausbruch verschüttet wurden.
Der Wind hat zugenommen und der Rückweg soll heftiger als der Hinweg werden. Deshalb verzichte ich lieber auf das Mittagessen und es stellt sich als eine weise Entscheidung heraus. Diesmal fallen 70 % der Touristen aus und verbringen ihre Zeit bei Kargungen von bis zu 40 Grad auf dem feuchten Hinterdeck.
Annette und Bo treffe ich auf dem Campingplatz wieder. An der Anlegestelle haben wir uns knapp verpasst, weil ich früher als erwartet zurück bin. Der Kapitän hatte uns bei auffrischendem Wind ein paar Minuten früher als geplant von der Insel geholt.
Die beiden waren in Ohope Beach den Vormittag über am Strand. Leider können wir keine Tour morgen für Annette nach White Island buchen, zwei Boote sind ausgebucht. Annette ist zum Glück nicht enttäuscht. Ohnehin hätte sie sich schwer damit getan, an meinem Geburtstag alleine den Cruise zu machen.
So werden wir uns für morgen eine schöne gemeinsame Aktivität überlegen und auch ein wenig weiter fahren. Den Rest des Nachmittags verbringen wir mit einer dänischen Familie auf dem komfortablen Spielplatz bei nettem Geplauder und nicht immer problemlosem Spielen.